Vernetztes Denken zur Entwicklung einer zukunftsfähigen Natur- und Kulturlandschaft: Ein Umweltbildungskonzept für den Naturraum Wind- und Hainleite

René Most, 2005

Zusammenfassung

1 Problemstellung, Zielsetzung und methodischer Aufbau

Anhand vielfältig erfahrbarer Umweltprobleme und Handlungsdiskrepanzen zu deren Bewältigung, wird davon ausgegangen, dass Verständnis-, Wahrnehmungs- und Reflexionsdefizite über individuelle, raum- und umweltwirksame Handlungsweisen bestehen. Diese charakterisieren den heutigen Entwicklungszustand der modernen Industrie-gesellschaften als nicht zukunftsfähig.

Im Sinne der Agenda 21 »Global denken, lokal handeln« wird in der Diplomarbeit ein raumbezogenes Umweltbildungskonzept entwickelt, welches die Bereiche »Umweltbildung« und »Nachhaltige Landbewirtschaftung« miteinander verbindet. Das Thema dieser Arbeit soll zu einem besseren Verständnis von zukunftsfähiger Entwicklung beitragen, zur Diskussion anregen und in der Realität umgesetzt und weiter entwickelt werden.

Für das Umweltbildungskonzept werden folgende Teilergebnisse angestrebt:

2 Problemorientierungen und Zielansätze

Für eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft, wie sie u.a. im Bericht der Brundtlandkommission 1987 und bei der Rio-Konferenz 1992 gefordert wurde, wird dem Bildungssystem eine entscheidende Rolle zugeschrieben.

Woran kann sich aber eine Bildung des Menschen orientieren; um tragfähige Lebens- und Umweltbedingungen auch für spätere Generationen zu gewährleisten?

Mit dieser Frage beginnt die Betrachtung der gegenwärtigen Umwelt. Zentrale Beobachtungsbereiche, die für ein Problemverständnis von Interesse sein müssen, sind die Dimensionen »Gesellschaft« bzw. auf ihrer kleinsten Ebene der »Mensch« als bewusst handelndes Wesen und sein sich zum Negativen verändernder »Lebensraum«.

Betrachtet man dann weiter die derzeitigen Bemühungen für eine nachhaltige Entwicklung (wie z.B. Weltdekade zur Bildung für Nachhaltigkeit 2005-2014), so lassen sich für die Entwicklung des Umweltbildungskonzept Problemorientierungen und Zielansätze gewinnen (Tab. 1).

Tabelle 1: Probleme und Zielansätze für das Umweltbildungskonzept

Dimension LebensraumDimension Mensch/Gesell.Dimension Zeit
Probleme:
  • Klimaänderung/Wetterextreme
  • Ausgeräumte Landschaft/ Verlust an Bodenfruchtbarkeit
Probleme:
  • Naturentfremdung: Spezialisiertes Denken und Wahrnehmen
  • Wachstumsmentalität: Übersteigerter Energie- und Rohstoffverbrauch in den Industrieländern
Zielansatz: Ökologischer Umbau und nachhaltige Nutzung durch konsistente Stoffströme (Kreislaufprinzip) als Gestaltungsauftrag von Gemeinschaften Zielansatz: Gestaltungskompetenz des Einzelnen für konsistente Lebens-, Wohn- und Arbeitsformen in der Gruppe/Gemeinschaft Zielansatz: Veränderungsdruck und Handlungsorientierung aufgrund dringender Problemlagen und konkurrierender Interessen

4 Maßstäbe für individuell-gesellschaftliches Handeln

Ausgehend von der Fragestellung wie ein Lernprozess des Menschen beschaffen sein sollte, um zu einer zukunftsfähigen Entwicklung zu gelangen, werden vier Maßstäbe formuliert.

Die Maßstäbe sind grundlegende Ansprüche für individuell-gesellschaftliches Handeln als Reaktion auf die Umweltkrise. Sie können daher einen nachhaltigen Lern- und Gestaltungsprozess mit der lokalen und regionalen Ressourcenbasis anbahnen. Bildung für nachhaltige Entwicklung betrifft dabei jene, die den Entwicklungsprozess mitgestalten und auch jene, die durch den Prozess erreicht werden sollen.

Die Maßstäbe sind miteinander vernetzt und daher in einem Entwicklungskontext zu sehen (Abb. 2).

  1. Handlungsorientierung Anspruch: Zeitgemäße Reaktion auf die Umweltkrise. Handeln ist situationsbezogen und steht deshalb im Kontext des jeweiligen Raumes in dem die Menschen leben, wohnen und arbeiten.
  2. Vernetztes Denken: raum-zeitliches Prozessverständnis Anspruch: Überwindung monokausalen Denkens zugunsten einer integrativen Gesamtsicht von Entwicklungsprozessen.
  3. Frage nach der Ursache: substanzielle Problemwahrnehmung Anspruch: Substanzielle Problemwahrnehmung der Umweltkrise und Bereitschaft des Lernenden für Nachhaltige Entwicklung.
  4. Gestaltungskompetenz nach dem Kreislaufprinzip Anspruch: Konsistente Lebens-, Wohn- und Arbeitsformen in Anlehnung an natürliche Kreisläufe.

Idealtypisch kann ein vernetztes Denken als Bedingung für eine nachhaltige Entwicklung angenommen werden. Erst ein Verstehen von Zusammenhängen ermöglicht es, die Ursachen eigener wie gesellschaftlicher Lebenssituationen und deren zugrunde liegende Entscheidungen, Hintergründe und Konsequenzen zu hinterfragen, sie zu bewerten und sich dazu positionieren zu können. Ein vernetztes Denken in Form eines raum-zeitlichen Prozessverständnisses ermöglicht die Einsicht zur Naturbindung, weshalb die Ausgestaltung zur zukunftsfähigen Gesellschaft am Kreislaufprinzip der Natur orientiert ist.

5 Naturraum Wind- und Hainleite/ Entwicklungsperspektiven

Für den Naturraum Wind- und Hainleite soll eine Konzeption für einen Lernprozess mit der Landschaft hergeleitet werden. Der Naturraum (vgl. Karte 2) gliedert sich in die beiden größtenteils bewaldeten Höhenzüge Windleite (Norden) und Hainleite (Süden) und in das dazwischen liegende Wippertal. Die Kreisstadt Sondershausen des Landkreises Kyffhäuserkreis liegt zentral zwischen beiden Höhenzügen im Wippertal und wird von diesen nördlich und südlich eng eingeschlossen.

Anhand der Indikatoren Kaufkraft und Arbeitslosenquote kann der Kyffhäuserkreis mit Wind- und Hainleite als strukturschwacher Raum charakterisiert werden.

Eine Orientierung auf nachhaltige Entwicklung stellt, insbesondere für sogenannte strukturschwache Räume, die Situation viel freundlicher und aussichtsreicher dar. Eine qualitative Entwicklungsperspektive scheint deshalb von Vorteil zu sein, weil eine einseitige Wahrnehmung wirtschaftlicher Strukturdefizite keinen Platz für Umdeutungen von Wertorientierungen lassen.

Die vorhandenen und vielfältigen Naturraumstrukturen der Wind- und Hainleite lassen ein großes Produktions- und Verwertungspotential im Sinne konsistenter Stoffströme auf regionaler Ebene in den primären Wirtschafts- und Lebensbereichen vermuten. Der Naturraum verfügt über relativ intakte bzw. selbststabilisierende Ökosysteme, die zum Verstehen und umweltbewussten Verhalten und Gestalten anregen können sowie einen Eindruck von Urwüchsigkeit und Wildnis vermitteln (vgl. Tab. 2).

Tabelle 2: Auswahl von landschaftsbezogenen Lernmöglichkeiten für ein raum-zeitliches Prozessverständnis im Naturraum Wind- und Hainleite

Natürliche Prozesse bzw. LandschaftsstrukturenAnthropogene Prozesse und Nutzungsstrukturen in freier Landschaft
  • Schichtstufenlandschaft des Wippertals/Pleistozän (die ehemaligen Flussterrassen sind v.a. in den Steillagen der Hainleite gut sichtbar)
  • Muschelkalk-Durchbruchstäler »Wipperdurchbruch« und »Sachsenburger Pforte«/Pleistozän
  • Kleinteilige Tal- und Hügellandschaft in der Windleite (als Trockentäler ausgebildet)/Pleistozän
  • Zahlreiche Trockentäler sowie wasserführende Täler (Schneidtal, Bebratal) in der Hainleite/Pleistozän
  • Hangabrütsche und Erdfälle in der Hainleite/Holozän naturnahe Wälder/Gegenwart (Der Wald ist unter allen heutigen Ökosystemen noch am stärksten durch natürliche Prozesse organisiert. So finden sich immer wieder Beispiele von großer Prozessdynamik, v. a. an den Steilhängen der Terrassenstufen in der Hainleite (flächige Baumstürze, Aufreißen von Lichtungen, Sukzession/Lebensraummosaik)
  • urgeschichtliche Siedlung bei Bilzingsleben/südöstliche Hainleite Wippertal
  • altgermanische Wallanlage bei Sondershausen/mittlere Hainleite Bebratal
  • Opferspalt und Hohlwege bei Bad Frankenhausen/Zechsteingürtel Kyffhäusersüdrand
  • Hainleiteburgen (Sachsenburgen, Arnsburg, Spatenburg Sondershausen, Straußburg, Burg Lohra) Hügelgräber, Pfaffenteiche und Wüstung bei Sondershausen/Windleite Brückental, sowie Wüstung und Wallanlage/Hainleite Frauenberg
  • Weinterrassen: Frauenberg/Hainleite Sondershausen; Gatterberge/Windleite bei Hachelbich; Wipperdurchbruch/Hainleite zwischen Seega/Günsrode
  • Fluss, Bäche, Mühlen im Wipper-, Helbe-, Bebra- und Schneidtal und ehemalige Abbauhohlformen/Fischteiche in der Windleite und im Wippertal bei Sondershausen
  • sowie ein vielfältiges Nutzungs- und Bewirtschaftungsmosaik der jüngeren Geschichte und der Gegenwart (Hallen-, Mittel- und Niederwälder, Mager- und Trockenrasen, Obstwiesen, Äcker, Kalihalde Sondershausen)

6 Bildungs- und Handlungskonzeption

Das Bildungs- und Handlungskonzept verfolgt drei miteinander im Zusammenhang stehende Ziele in und mit der Natur, die verschiedene umweltpädagogische Ansätze und Konzepte für einen nachhaltigen Umgang mit Lebensraum enthalten (Tabelle 3).

Tabelle 3: Konzeptziele und Methoden

NaturerlebenNatur-/KulturverstehenVon der Natur lernen
Ziel: Wahrnehmung, Begeisterung und Wertschätzung für die natürliche Lebensgrundlage entwickeln. Problemverständnis für die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlage vermitteln. Perspektiven für einen naturangepassten Lebensraum aufzeigen.
Methode:Naturerlebnis/-erfahrung durch vielfältige Sinneswahr-nehmungen mit der Natur Kontrastiertes Wahrnehmen zwischen Mensch und Natur auf der Basis des Verstehens von natürlichen Prozessen, Kreisläufen und kulturellen Entwicklungen Lösungsorientierte systemische Bildungsthemen für den Bereich nachhaltige Landbewirtschaftung.

Das Naturerleben steht am Beginn eines Lernprozesses für Nachhaltigkeit. Man kann davon ausgehen, dass erst der Zugang zu Natur eine nachhaltige Entwicklung gewährleistet. Denn eine zukunftsfähige Lebensweise setzt die Wahrnehmung und die Kenntnis von dem voraus, was man schützen will. Während mit dem Ziel Naturerleben bewusstseinsmäßig »die Tür zur Natur« geöffnet und dadurch günstige Lernbedingungen geschaffen werden sollen, zielt Natur-/Kulturverstehen dann weiter auf ein Verständnis der Umweltschutzproblematik. Für ein raum-zeitliches Verstehen scheint eine kontrastierende Problemwahrnehmung zwischen Mensch und Natur geeignet, um die Vielschichtigkeit und Komplexität der alltäglichen Lebenswelt sichtbar zu machen sowie die Eindimensionalität fachspezifischen Denkens zu überwinden (vgl. Bolscho und Seybold 1996: 136). Aus dem Vergleich Mensch/Natur lassen sich Verständnisziele für eine Orientierung auf nachhaltige Entwicklung gewinnen (Tabelle 4). Ein Verständnis von Entwicklungszusammenhängen kann letztlich zur eigenen Natur/Kultur sensibilisieren, dazu Befähigen den gesellschaftlichen Entwicklungszustand bewusst werden zu lassen um sich mit neuen selbstgetragenen Ideen dazu in Beziehung setzen zu können. Die Frage nach einer lebensfähigen Zukunftsgestaltung stellt «Gestaltungskompetenz« als pädagogisches Leitziel in den Vordergrund. Aus dem Prozessverständnis natürlicher Kreisläufe heraus lassen sich Handlungsmotivationen zur Gestaltung von Kreislaufprozessen in Landschaft, Stadt und Haushalt entwickeln. Ausgehend von Wertschätzung, Problembewusstsein und Handlungsbereitschaft soll mit dem Ziel Von der Natur lernen die Natur als Lebensgrundlage heutiger und künftiger Generationen erfahren werden, um ökologisch-soziale Gestaltungspotentiale in Wert zu setzen. Ein entwickeltes Problembewusstsein und Handlungsbereitschaft kann in Problem-Lösungs-Prozesse innovativer Akteure (z.B. Schulen, Jugendgruppen, Landwirte, Fachbehörden u. s. w.) münden. In kooperativer Ausgestaltung lassen sich konkrete Projekte (Idee + Umsetzungsstrategie), die auf ökologisch-soziale Lebens- und Wirtschaftweisen abzielen, entwickeln. Die handlungsorientierte (oder umsetzungsorientierte) Auseinandersetzung mit Umweltproblemen begünstigt Nachhaltigkeit zu lernen und zu leben. Für die Initiierung von auf Nachhaltigkeit orientierten Projekten für die künftige Landschaftsentwicklung bieten sogenannte »Permakultursysteme« einen geeigneten Zielhorizont. Als Permakultur werden Landnutzungssysteme bezeichnet, in denen am Beispiel der Natur die bestehenden Elemente eines Systems so zueinander in Beziehung gesetzt werden, dass der größte systemische Gesamtnutzen resultiert: »Der Lebensraum der Menschen kann äußerst produktiv gestaltet werden, und dies ist viel weniger Arbeit, als ihn so destruktiv zu machen, wie er heute ist« (Graham 1994: 14). Permakultur - von dem Australier Bill Mollison entwickelt, ist ein Entwurfs- und Gestaltungskonzept naturangepasster und vielfältiger Landnutzung, welches sich flexibel auf unterschiedlich große Räume anwenden lässt. Kleber bezeichnet solche Systeme als »Biotope mit Mensch« die es als zentrale und konkrete Bildungskategorien einer ökologischen Pädagogik dem jungen Menschen erst ermöglichen, ein naturverträgliches Leben zu führen (Kleber 1993: 142). Wie ein »Biotop mit Mensch« in der Landschaft gestaltet sein kann, soll nachfolgend im Entwurf zu einer Lernlandschaft für nachhaltige Entwicklung aufgezeigt werden.

Tabelle 4: Kontraste Mensch/Natur und Verständnisziele für eine nachhaltige Entwicklung

Natur (natürliches System)Wahrnehmung von Kontrasten: VerständniszieleMensch (kulturelles System)
Entwicklung Naturlandschaft Millionen JahreZeitverhältnis »Die Menschheitsgeschichte ist kürzestes Datum der Erdgeschichte«Entwicklung Kulturlandschaft 7000 Jahre
Waldlandschaft Das Landschaftsbild als der Mensch noch Jäger und Sammler war Landschaftsveränderung »Der Mensch verändert seit dem Neolithikum die Landschaft« Feldlandschaft Das Landschaftsbild seit der Erfindung des Ackerbaus
Selbstorganisation
  • Energieeffizienz und Dauerhaftigkeit
  • Sonnenenergie und Klimaanpassung
Funktionsweise
  • »Die Natur organisiert sich durch direkte Sonnenenergie und schafft dadurch die Lebensbeding-ungen für den Menschen«
  • »Der Mensch nutzt fossile Energie und beeinflusst die natürlichen Lebensbedingungen«
Fremdorganisation
  • Energieverbrauch und Umweltprobleme
  • Fossile Energie und Klimainstabilität
Kleinräumig geschlossene Kreisläufe
  • Bodenstabilität
  • Bodenbildung
  • Sauberes Wasser
  • Stockwerkaufbau Wald
  • Nahrungsketten
Raumverhältnis

»Der Mensch verschlechtert weltweit die Lebensbedingungen künftiger Generationen«

Großräumig aufgetrennte »Kreisläufe«
  • Bodenverlust
  • Mineralstoffdünger
  • Wasserbelastung
  • Monokultur Acker
  • Verbraucherverhalten

7 Lernlandschaften für nachhaltige Entwicklung/ Beispiel

Nachdem die konzeptionellen Ziele aufgezeigt wurden, stellt sich die Frage nach konkreten Landschaftsgebieten, die zur Umsetzung der Bildungs- und Handlungskonzeption geeignet wären.

Die Themen, die für die Auswahl geeigneter Lebensräume/Lernstandorte von Interesse sind, beziehen sich vor dem Hintergrund von nachhaltiger Entwicklung auf eine Verständnis-bildung in folgenden Themengruppen:

Für eine räumliche Konkretisierung sind jene Gebiete von Interesse, die das gesamte Themenspektrum räumlich konzentriert abdecken, so dass sie im zeitlichen Rahmen von Eintagesexkursionen fußbürtig erschlossen werden können. Das Landschaftsbild geeigneter Lerngebiete ist durch eine morphologisch abwechslungsreich strukturierte Landschaft mit Waldflächen, großräumigen Ackerflächen sowie durch kleinteilige (historische) Nutzungsstrukturen charakterisiert.

Anhand des Gebietsbeispieles »Brückental-Pfaffenteiche« soll eine funktionell vielfältige Landschaft gestaltet werden, die verschiedenen Nutzergruppen einen handlungsorientierten Zugang zu einer nachhaltigen Lebensweise eröffnet.

Perspektivisch können Erholungssuchende in einer solchen Lernlandschaft Obst, Beeren, Kräuter, Blumen und sonstige Naturmaterialien sammeln und bewirtschaften. Die Lernlandschaft soll Kindern und Jugendlichen ein reales Vorbild für die zukunftsfähige Entwicklung ihrer Heimat sein (Glaubwürdigkeit) und Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen z. B. über Projekttage, die die Entwicklung ökologischer Handlungskompetenzen unterstützen.

Zur Entwicklung einer Lernlandschaft für nachhaltige Entwicklung werden Gestaltungselemente für das Gebiet »Brückental-Pfaffenteiche« aufgezeigt, die als Lern- und Erlebnisstandorte Erfahrungsmöglichkeiten von Kreislaufprozessen eröffnen sollen (Karte 3).

7.1 Ertragshecken

Für eine nachhaltige Landnutzung sind sogenannte »Ertragshecken« von Bedeutung, weil einerseits deren Früchte und Verarbeitungsprodukte für den lokal-regionalen Markt bereitgestellt werden können und andererseits die klimatischen Prozesse über Ackerflächen stabilisiert werden. Ein ausgeglicheneres Wasser - und Feuchtedargebot über landwirtschaftlichen Flächen wirkt temperaturausgleichend, weshalb u.a. der Frostgefahr und Austrocknung landwirtschaftlicher Kulturen vorgebeugt wird.

Die Fruchterträge der Ertragshecken richten sich nach dem Standort. Durch angepasste Bewirtschaftung (minimale Bodenbearbeitung und Gründüngung) kann sich mittel- bis langfristig ein gesunder Boden mit Humusschicht entwickeln und die Standortbedingungen für die Ertragsbildung verbessern. Bei Verwendung ertragreicher Sorten wird für eine Haselhecke auf 40 laufende Meter (lfm) ein Nussertrag von 15 kg angegeben, für 15 lfm Schlehenhecke ca. 15 kg (Kayser 2005). Eine Edel- Eberesche produziert bei Vollertrag (10.-15. Standjahr) einen Fruchtertrag von 20 kg/Baum, ein Holunderstamm etwa 36 kg Beeren (Albrecht et al.1993).

Die Ernte kann maschinell mit kleineren Maschinen erfolgen, welche die Fruchtäste vom Baum bzw. Strauch abschneiden. Ohne Verletzungen der Äste kann - wenn auch zeitaufwendiger - per Hand geerntet werden. Dafür werden i. d. R. Saisonarbeitskräfte erforderlich. Im Saumbereich der fruchtreichen Hecken gehen Bewirtschafter entlang und holen mit Tragekörben die Ernte ein. In Schulprojekten können junge Menschen etwas über die verschiedenen Heckenpflanzen erfahren und deren vielfältige Anwendungsmöglichkeiten erproben. Beispielsweise ist es denkbar, dass die Schüler im zeitigen Frühjahr mit einer kleinen Handsäge geeignete Haselruten schneiden, aus dehnen sie Flechtkörbe bauen, die im Spätsommer für die Ernte benutzt werden.

7.2 Fruchtwald/ Streuobst

Für eine Bewusstseinsbildung mit dem Lebensraum bieten Obstwiesen vielfältige Möglichkeiten, Kinder- und Jugendliche für Natur und regional erzeugte Lebensmittel zu sensibilisieren. So können beispielweise Kinder auf »Entdeckungsreise« nach den vielfältigen Tier- und Pflanzenarten gehen: »Wie sieht eigentlich ein Käfer die Welt?« oder »Wie viel unterschiedliche Insekten und Pflanzen leben wohl auf der Wiese?« können spannende Ausgangsfragen sein. Die Obstbäume sind von besonderem Interesse: »Wie entstehen eigentlich die Früchte?«, »Welche Bedeutung haben dabei die Insekten?« und »Wie kommt der Apfel in die Flasche?« sind Fragen, mit denen man sich auf Streuobstwiesen auseinander setzen kann.

Für die Konzeption ist die Entwicklung eines Fruchtwaldes angedacht. Perspektivisch steht der unkommerzielle Nutzungsaspekt von vielfältigen Obst und Kräutern durch die lokale Bevölkerung. Synergieeffekte aus einer Baumpflanzung ergeben sich auch auf die Weidewirtschaft indem zusätzlich nährstoffreiches Futterlaub von den Tieren aufgenommen werden kann, und die Bäume als schattige Ruheplätze dienen. Ein Fruchtwald steht auch in Verbindung mit der Imkerei, weil einerseits durch die Bestäubungsleistung der Bienen, die Erträge im Fruchtwald gesteigert werden, und andererseits eine über die Vegetationsperiode anhaltende Blühtracht verschiedener Obstgehölze den Nektar und Pollen für die Honigproduktion gratis zur Verfügung stellen (siehe Imkerei).

Unter dem inszenierten Motto »Ein Fruchtwald für heutige und künftige Generationen anlegen« könnten sich Schulklassen handlungsorientiert mit nachhaltiger Entwicklung auseinandersetzen.

7.3 Waldgarten

Ehemalige Bauerngärten lassen sich heute noch im Brückental finden. Zu ihnen zählt auch der »Waldgarten«. Er besteht aus fünf zusammenhängenden Flurstücken. Die Grundstücke sind aufgrund der Nutzungsauflassung zum Teil stark verwildert - der ideale Zustand für ein kleinräumiges Permakultursystem mit Bildungs- und Bewirtschaftungsabsichten.

Im Waldgarten sind ehemalige intelligente Nutzungsstrukturen hinterblieben, an denen sich der Entwurf zum Waldgarten orientieren kann. Zu den Nutzungsstrukturen zählen Terrassenanlage, Heckennutzung, vielfältiger Obstanbau, ein wüst gefallener Lagerraum/Unterstand aus Sandstein. Der Waldgarten dient aufgrund seiner Artenvielfalt auch als Referenzstandort für die Wahl standortangepasster Gehölze, die u. a. im Gebiet für eine Permakulturlandschaft zum Einsatz kommen können.

Denkbare Gestaltungsprojekte wären die Anlage und Nutzung von Hügelbeeten zum Gemüseanbau, das Flechten von kleineren Haselzäunen vor Wildverbiss, die Züchtung von Waldpilzen (z. B. Austernseitling), die Pflanzung von Obststräuchern und -bäumen die Schaffung eines Feuchtbiotops, der Bau von Insektenwohnungen, die zweckgebundene Rekonstruktion der Sandsteinwüstung als Lagerraum für Gartengeräte oder als Offenstall für eine paar Weidetiere, der Bau von Lehmöfen zum Brotbacken oder ein komfortables Baumhaus auf den Ästen einer kräftigen Eiche. Für Lehmbauprojekte lässt sich unterhalb des Waldgartens in der Talaue bindendes Material finden.

7.4 Feldterrassen und Feuchtbiotop

Die Vorzüge von Terrassen zur Kultivierung vielfältiger Pflanzen wussten auch schon frühere Generationen zu schätzen. Für den Entwurf zur nachhaltigen Lernlandschaft wird diese historische Nutzungsform aufgegriffen und exemplarisch als Terrassenanlage an einer erosionsgefährdeten Hangsenke verdeutlicht. Die Hangsenke ist im ackerbaulich genutzten Plateaubereich kesselartig ausgebildet.

Im Entwurf ist eine Terrassenbreite von 5 Metern angedacht, weil bei dieser Breite noch eine kleinere Erntemaschine die Terrassenanlage befahren kann, ohne das der Boden verdichtet und die Böschung ins Rutschen geraten kann. Die unterste Böschung geht in ein Feuchtbiotop über, welches als Retentionsbecken nährstoffhaltiges Wasser und Humusabschwemmungen aus der Terrassenanlage aufnimmt. Das Humusmaterial des Feuchtbiotops kann im Sommer wieder auf die Terrassen aufgebracht werden.

Auf den Terrassen lassen sich Knollenfrüchte, Gemüse und verschiedene (seltene) Getreidesorten anbauen. Für die Böschungsbereiche sind eine Vielzahl von Obstbäumen und tiefwurzelnde Fruchtsträucher geeignet, die den Hang ausreichend stabilisieren. Unter dem lichten Schirm der Obstbäume (z.B. Wallnuss-, Kirsch- und Apfelbäume) ist der Anbau z.B. von Fruchtrosen, Wacholder, Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren und Stachelbeeren möglich.

Durch das Einbringen größerer Feldsteine können zusätzlich kleine Wärmeinseln in der Terrassenanlage geschaffen werden. Die Steine speichern das Sonnenlicht und geben die Wärme in der Nacht allmählich wieder ab. In solchen Bereichen wäre der Anbau von Küchenkräutern wie Rosmarin, Salbei, Oregano, Majoran und Thymian denkbar.

In der abwechslungsreich strukturierten Terrassenanlage finden auch wärmeliebende Tiere, wie z.B. Eidechsen, einen geeigneten Lebensraum. Am Feuchtbiotop tummeln sich Libellen, Schmetterlinge und andere Insekten, weshalb auch ihre Fressfeinde - die Vögel - beobachtbar sind. Besucher können auf der Terrassenanlage mit allen Sinnen die Vielfalt von Früchten und Kräutern erfahren und Kenntnisse über deren Anwendungen und Verarbeitung lernen.

7.5 Imkerei

Imkerei kann viele Lernanlässe für ein vernetztes Denken bieten: »Wie entstehen eigentlich die schmackhaften Früchte auf der Obstwiese?«, »Wie produzieren die Bienen den Honig?« und »Wie kann sich der Mensch diese Gratisleistung der Wild- und Honigbienen zu Nutzen machen?«.

Perspektivisch können in einer nachhaltigen Lernlandschaft mehrere Imker tätig sein und ihre Erfahrungen im Umgang mit Bienen an Schulklassen weiterreichen. Die extensiven Wiesenflächen (siehe Fruchtwald) mit ihren sonnigen und windgeschützten Senken, die umgebenden Waldsäume und mehrere kleinteilige Sukzessionsflächen bedingen eine Vielzahl von Pflanzen unterschiedlichen Blühzeitraumes.

Ein Beispiel soll die Honigproduktion in einer Lernlandschaft für nachhaltige Entwicklung verdeutlichen: Geht man von 60 Bienenvölkern aus, die in Kastenbeuten über 3 ha verteilt, auf einer windgeschützten und blütenreichen Wiese aufgestellt werden, und nimmt man ferner einen Jahresertrag von 30 kg Honig/Volk an, so werden ca. 1.800 kg Honig produziert. Allein damit ließe sich für knapp 10 % der Sondershäuser Bevölkerung der Jahresverbrauch an Honig decken.

Insbesondere Schulklassen könnten Initiatoren und Unterstützer eines solchen Projektes sein - angefangen mit dem Wissen über Bienen, bis zur konkreten Standortwahl, der Suche nach einem oder mehreren Imkern die sich für die Idee gewinnen lassen, der Bepflanzung mit Bienennährgehölzen, dem Bau von Kastenbeuten, bis hin zum Verkauf von Honig und selbstgefertigten Wachskerzen auf dem Wochenmarkt.

7.6 Hügelbeete, Ernteland

Der Anlage von Hügelbeeten liegt die Idee zugrunde, dass sich das städtische Kreiskrankenhaus in unmittelbarer Nähe (500 m) befindet, so dass perspektivisch gesunde, vielfältige Nahrungsmittel produziert und in der Spezialküche des Krankenhauses auch verarbeitet werden könnten. Zum anderen wäre eine Hügelbeetanlage auch für gartentherapeutische Zwecke und als erwerbsmäßig betriebenes Ernteland für die lokale Bevölkerung nutzbar.

Im Entwurf sind geradlinig- parallel verlaufende Hügelbeete im Abstand von 5 Metern angedacht, weil dadurch, wie auch bei den Feldterrassen, eine kleine Erntemaschine, z.B. für kleinere Fruchtsträucher, zum Einsatz kommen kann. Mit einer Höhe von 1-1,5 Meter sind sie aber auch mühelos per Hand (etwa durch Saisonarbeiter) zu beernten. Neben geradlinigen Hügelbeeten sind auch solche angedacht, die sich abwechslungsreich geschwungen über das Feld erstrecken und schmale etwa 2 Meter breite Gassen bilden. In diesen können Besucher gelenkt das Ernteland durchwandern und ihre Ernte am Ausgang bezahlen. Die Gassen sind abschnittsweise miteinander verbunden, so dass Abkürzungen ohne Probleme möglich sind. So ist das Ernteland auch für ältere oder gehbehinderte Menschen nutzbar, ohne dass die gesamte Strecke durchlaufen werden muss.

Im Verlauf der Erntegassen lassen sich Sitzmöglichkeiten und größere Ruhebereiche mit schattenspendenden Bäumen anlegen, so dass ein Besuch des Erntelandes nicht nur verschiedene Geschmackserlebnisse bereithält, sondern auch zur Entspannung geeignet ist. Insbesondere für Kinder und junge Familien lassen sich auch erlebnisorientierte Bereiche schaffen, z.B. ein Feuchtbiotop, Weiden- /Haselhütten, ein Tastpfad, Kinderschaukeln oder sonstige Spielmöglichkeiten.

7.7 Landschaftspark, Tierbeobachtungsstation, Totholz

Zur Biotopvernetzung und insbesondere zur Standortsicherung landwirtschaftlicher Flächen sind Gehölzstrukturen wichtige Elemente einer zukunftsfähigen Kulturlandschaft. Insbesondere für abtragungsgefährdete, intensiv-genutzte Kuppenbereiche eine Wiederbewaldung der Landschaft denkbar. Kuppenbereiche könnten ohne jegliche Arbeit der Natur überlassen werden, so dass sich über Jahrzehnte von selbst klima- und bodenstabilisierende Landschaftsstrukturen organisieren.

Auf den Sukzessionsflächen könnte eine Tierbeobachtungsstation als Aussichtsplattform angelegt werden. Zudem lässt sich die Wahrscheinlichkeit für Beobachtungen von sonst eher scheuen Tieren, wie Reh, Schwein und Fasan durch die Gestaltung einer abwechslungsreichen Waldlichtung erhöhen. Die Gestaltung eines »Wildackers« für Beobachtungszwecke könnte, gemeinsam mit Schulklassen, durch pädagogisch geschultes Forstpersonal durchgeführt werden.

Am Waldrand ist liegendes, wie auch stehendes Totholz zu finden. Hier wird nachvollziehbar, wie sich die Natur selbst organisiert. Leben und Sterben findet nebeneinander statt. Im Rahmen von Umweltbildungsprogrammen ist es für solche Standorte denkbar, sich Themen wie »Leben und Sterben« oder »Werden und Vergehen« nicht nur naturwissenschaftlich zu nähern, sondern daran anknüpfend und vergleichend, auch ethisch- philosophische Fragestellungen zu thematisieren: »Wie geht Gesellschaft mit Natur um?«, »Wie geht Gesellschaft mit Altern und Tod um?«, »Woran orientieren sich gesellschaftliche Werte und Normen?«. Über solch kontrastierende Sichtweisen, kann die Reflexion über gesellschaftliche Wert- und Vorstellungsweisen gefördert werden, wodurch diese letztlich individuell hinterfragbar und auch veränderbar sind: »Wie kann sich eine zukunftsfähige Gesellschaft organisieren?«, »Was und wie kann ich persönlich dazu beitragen?«, »Wo liegen die Grenzen eigenen Handelns?«, »Wie könnte man auch Andere für nachhaltige Entwicklung motivieren?«.

8 Realisierungsmöglichkeiten

Der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen, also den jüngeren Generationen, kommt in dem vorliegenden Konzept besonderes Augenmerk zu, weil sie die Nutzer der Landschaft von Morgen sind.

Die voranschreitende Mediatisierung des Alltags zieht für Kinder und Jugendliche einen Verlust an praktischer Eigentätigkeit und authentischer Erfahrung nach sich (vgl. Holtappels 2003: 2), aber auch die Familienstrukturen haben sich verändert, wodurch ganztägige Betreuungsangebote an Bedeutung gewinnen. Durch die Initiierung einer Lernlandschaft könnten vielseitige Ganztagsangebote geschaffen werden, die das Thema »Nachhaltige Entwicklung« authentisch werden lassen. Mit den skizzierten Gestaltungselementen ließe sich z. B. durch Streuobst-, Imker, Kräuter- oder Lehmbauprojekte der Erfahrungsbereich junger Menschen lebensnaher gestalten und eine nachhaltige Entwicklung anbahnen.

Manche Schulen in Deutschland erarbeiten und praktizieren ganztägige Konzeptionen, um den veränderten Bedingungen und Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Die Idee einer Lernlandschaft für nachhaltige Entwicklung könnte Beweggrund und auch inhaltlicher Einstieg in eine ganztägige Schulkonzeption sein. Eine nachhaltige Lernland-schaft wäre als Experimentier- und Erfahrungsraum zu verstehen, in dem Natur erlebbar und verständlich wird, in dem konkrete Handlungsmöglichkeiten ausgedacht und erprobt werden können.


Stand: 09.02.2006 Christian Hildmann