Zur Zukunft des ländlichen Raumes - Perspektiven für den Landkreis Uecker-Randow auf der Grundlage des Sensitivitätsmodells

Mike Liebetreu, 2006

Zusammenfassung

Einleitung und Zielsetzung

Der ländliche Raum in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Zu Unrecht wird dabei immer wieder die vermeintliche Rückständigkeit gegenüber den Ballungsgebieten hervorgehoben. Ländliche Räume in Deutschland sind aber nicht per se im wirtschaftlichen Niedergang begriffen, sondern repräsentieren eine breite Vielfalt an Situationen. Es gibt die prosperierenden, wirtschaftlich starken Regionen mit Industrialisierung und großen Gewerbegebieten, andere ländliche Räume hingegen entwickelten sich zu reinen Wohngürteln rund um die Städte. Aber es gibt auch Regionen, die mit großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen behaftet sind.

Vor allem in Ostdeutschland steht der ländliche Raum vor gewaltigen Herausforderungen. Mit der politischen Wende 1989 veränderten sich die ökonomischen und soziokulturellen Bedingungen dramatisch. Von diesen Veränderungen haben hauptsächlich die ländlichen Räume in der Nähe von Ballungszentren profitiert. Dagegen müssen die entfernteren und peripheren Regionen mit immer größer werdenden Problemen fertig werden. Die typischen Merkmale dieser ländlichen Räume sind eine geringe Wirtschaftskraft, hohe Arbeitslosigkeit, hohe Abwanderungszahlen von jungen, qualifizierten Menschen, niedrige Geburtenzahlen und ein großer Anteil an alten Menschen. Die beiden wichtigsten wirtschaftlichen Standbeine dieser Regionen sind die Landwirtschaft und der Tourismus. Dabei gibt es innerhalb wie außerhalb des landwirtschaftlichen Sektors noch zahlreiche ungenutzte Innovationsfelder, die zu einer Entwicklung beitragen können. Ein wichtiger Schlüssel zur eigenständigen Entwicklung liegt in dem Entdecken der endogenen Potentiale. Neben technischen Innovationen bedarf es sozialer und rechtlicher Innovationen. Hierfür müssen neue Organisationsmodelle und Steuerungssysteme entwickelt und im Rahmen von Experimentierklauseln eingesetzt werden.

Für die Bewältigung der Probleme wurden in der Vergangenheit zahlreiche Förder- und Investitionsprogramme aufgelegt. Damit soll ein gewisser Ausgleich der Disparitäten zwischen Ballungszentren und den ländlichen Räumen geschaffen werden. In diesem Zusammenhang ist der Begriff der Nachhaltigkeit zum beliebten Schlagwort geworden. Kritiker bemängeln die Unbestimmtheit des Begriffes und sehen darin lediglich ein Mittel zur Geldbeschaffung. Viele der Programme sind nicht langfristig genug angelegt, greifen an der falschen Stelle an oder sind von der jeweiligen politischen Führung abhängig.

Aufgrund der komplexen Wechselwirkungen zwischen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft ist es schwierig geworden, die mit den Veränderungen einhergehenden Konsequenzen ausreichend abzuschätzen. Diese Komplexität ist auch ein Grund, warum Investitionen und Maßnahmen nicht die erwünschten Erfolge erzielen. Sie setzen an der falschen Stelle an. Es sind also neue Denkmuster notwendig. Das Sensitivitätsmodell von Vester bietet die Möglichkeit, Komplexität verständlicher zu machen und Veränderungsmechanismen und Maßnahmewirkungen besser zu erkennen. Der Landkreis Uecker-Randow, im äußersten Nordosten von Deutschland gelegen, ist ein typisches Beispiel für eine ländliche Region mit großen Entwicklungsproblemen. Deshalb muss er in den Medien des öfteren als negatives Beispiel herhalten. Neben einer hohen Arbeitslosigkeit stellen die demographischen Entwicklungen den LK vor großen Herausforderungen. Dabei sind durchaus endogene Potentiale beispielsweise im ökologischen Landbau, der Forstwirtschaft oder beim Tourismus vorhanden. Diese werden allerdings noch nicht konsequent genutzt. Bisherige Investitionen und Maßnahmen konnten kaum positive Entwicklungen herbeiführen, wohl auch, weil das Verständnis über die Ziele und komplexen Wechselwirkungen im LK fehlen. Für eine erfolgreiche Entwicklung des LK Uecker-Randow sind also Kenntnisse über die Ziele einer Entwicklung, Veränderungsmechanismen und Maßnahmewirkungen notwendig.

Aus dieser einführenden Problembeschreibung ergeben sich folgende Fragen:

  1. Was charakterisiert den ländlichen Raum in Deutschland? Warum ist ein Erhalt des ländlichen Raumes überhaupt wichtig? Wird er in der Zukunft noch gebraucht?
  2. Was sind die Probleme im LK Uecker-Randow und welche endogenen Potentiale gibt es?
  3. Was sollen die Ziele für eine Entwicklung des LK Uecker-Randow sein und in welche Richtung sollen sie gehen?
  4. Wo wären Veränderungen im LK Uecker-Randow besonders wirkungsvoll?
  5. Welche Maßnahmen gibt es?

Der Aufbau der Arbeit orientiert sich an den o. g. Fragen. Nach der Einleitung werden zuerst die verwendeten Methoden erläutert. Die Kapitel 3 und 4 legen die theoretischen Grundlagen zum ländlichen Raum und zur Nachhaltigkeit. Danach wird im Kapitel 5 der Landkreis Uecker-Randow mit seinen Problemen und Potentialen dargestellt. Im Kapitel 6 sollen die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung des LK erörtert werden. Die Vorstellung des Sensitivitätsmodells und seine Anwendung im LK Uecker-Randow erfolgt in den Kapiteln 7 und 8. Mögliche Maßnahmen werden im Kapitel 9 diskutiert. Den Abschluss bildet ein Ausblick und die Zusammenfassung der Ergebnisse.

Das Sensitivitätsmodell

Für die Systemanalyse dynamischer Systeme bietet sich das Sensitivitätsmodell an. Der Modellansatz des Sensitivitätsmodells ist aus der Entwicklung eines biokybernetischen Verfahrens im Rahmen des UNESCO Programms „Man and the biosphere“ hervorgegangen. Der Biochemiker Frederic Vester und der Planungsdezernent des Umlandverbandes Frankfurt Alexander von Hesler entwickelten Anfang der 80er Jahre daraus das Sensitivitätsmodell. Vester und seine Arbeitsgruppe entwickelten später davon auch eine Softwareversion. Das Sensitivitätsmodell ist in seinem Ablauf klar strukturiert und bietet gute Analysemöglichkeiten der Wechselwirkungen zwischen den Variablen, Regelkreisen und Rückkopplungen und ermöglicht Erkenntnisgewinne aus jedem einzelnen Modellschritt. Durch den Einsatz von Fuzzy Elementen wird die Berücksichtigung qualitativer Größen in die Wirkungsbeziehungen gefördert. Zudem wird der Mitarbeit von Planern und Betroffenen ein besonderes Gewicht beigemessen. Nachteile bestehen in der Differenzierung der Variablen und der zeitlichen Dynamik. Zudem ist das Modell in der Durchführung relativ aufwändig. Für den Planungsprozess ist der Einsatz des Sensitivitätsmodells besonders für die Vororientierung, Problemanalyse und qualitative Wirkungsabschätzung von Maßnahmen sinnvoll. In der Abbildung ist der Ablauf der durchgeführten Sensitivitätsanalyse dargestellt. Besonders deutlich wird die rückläufige, mehrfach sich selbst korrigierende Arbeitsweise.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Arbeit können analog zur Fragestellung folgendermaßen zusammengefasst werden:

  1. Der ländliche Raum in Deutschland erlebte im letzten Jahrhundert große Umbrüche. Die Folgen dieser Transformation sind vielschichtig und betreffen unterschiedliche Regionen unterschiedlich stark, d. h. sie sind nicht per se im wirtschaftlichen Niedergang begriffen, sondern repräsentieren eine breite Vielfalt. Ländliche Räume erfüllen eine Vielzahl wichtiger Funktionen und sind nicht nur von regionaler Bedeutung. Zudem besitzt der ländliche Raum wichtige Potentiale für eine nachhaltige Entwicklung. Daraus leitet sich die Notwendigkeit des Erhaltes und Weiterentwicklung ländlicher Räume ab.
  2. Der Landkreis Uecker-Randow ist einer der strukturschwächsten Regionen in Deutschland. Die größten Probleme sind die Strukturschwäche, die hohe Arbeitslosigkeit und der Bevölkerungsrückgang. Trotz der Vielzahl an Problemen gibt es durchaus Entwicklungspotentiale. Die naturräumliche und landschaftliche Vielfalt, die ökologische Landwirtschaft und der Tourismus bieten dafür eine stabile Grundlage.
  3. Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung steht seit Jahren im Mittelpunkt unzähliger Diskussionen. Für dessen Verwirklichung ist eine schrittweise Operationalisierung von allgemeinen Grundsätzen und Prinzipien, über allgemeine Leitlinien bis hin zu Zielen für eine nachhaltige Entwicklung des LK Uecker-Randow notwendig. Die aufgestellten 23 Ziele bieten eine Basis für die Entwicklung konkreter Maßnahmen. Die Abbildung gibt einen Überblick über den in der Arbeit angewendeten Operationalisierungsprozess.

  4. Durch den Einsatz des Sensitivitätsmodells konnten wichtige Erkenntnisse über Zusammenhänge und Veränderungsmechanismen im LK Uecker-Randow gewonnen werden. Besonders wirkungsvoll erscheinen Maßnahmen in den Bereichen „Zukunftsorientierte Politik“ und „Effiziente Infrastruktur“. Weitere Maßnahmen sind in den Bereichen „Wirtschaftskraft der Region“ und „Finanzmittel der Gemeinden“ sinnvoll, sie sind aber aufgrund ihrer Vernetzungen besonders sorgfältig auszuwählen.
  5. Die vorgestellten Maßnahmen ergaben sich aus den Ergebnissen der Sensitivitätsanalyse und den ermittelten Zielen für eine nachhaltige Entwicklung des LK Uecker-Randow. In der Tabelle sind die Maßnahmen, ihre zeitliche Umsetzbarkeit sowie die Adressaten zusammengefasst. Für die Bewertung der zeitlichen Umsetzbarkeit spielen Kriterien wie Finanzierung, Etablierung und Akzeptanz eine wichtige Rolle.

MaßnahmeUmsetzbarkeitAdressat
BürgergeldvisionärBundespolitik
DorfzentrummittelfristigEinwohner
PflanzenkläranlagekurzfristigEinwohner, Gemeinden, Amt Penkun
BlockheizkraftwerkmittelfristigGemeinden, Verein zur Förderung regenerativer Energien Stettiner Haff e.V.
LebensmittelkistemittelfristigBauernverband Uecker-Randow e.V., Bauern, Landkreis
TauschringkurzfristigEinwohner
HandwerkmittelfristigHandwerkskammer, Handwerker, Existenzgründer
"Pommersche Bauernmarkt"mittelfristigBauernverband Uecker-Randow e.V., Bauern, Händler, Tourismusverband
BodenwertsteuervisionärBundespolitik
Förderung EhrenamtkurzfristigLandratsamt, Bundes- und Landespolitik

Trotz ihres teilweise geringen Konkretisierungsgrades geben sie eine gute Orientierung, welche Potentiale im LK Uecker-Randow stärker genutzt werden sollten. Für einen Erfolg der Maßnahmen sind neben der finanziellen Ausstattung auch das Engagement der Bevölkerung und der Entscheidungsträger von großer Bedeutung. Die Menschen werden zukünftig noch stärker auf ihre eigenen Fähigkeiten und ein hohes Maß an Eigeninitiative angewiesen sein. Dies gilt für alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens (Daseinsvorsorge, lokale Ökonomie, Kultur). Daneben muss die Landes- und Bundespolitik Rahmenbedingungen schaffen, dass die vom Landkreis Uecker-Randow erbrachten Leistungen entsprechend honoriert werden und benachteiligte Regionen mit fortschreitender Globalisierung nicht völlig ins Abseits und in


Stand: 12.07.2006 Christian Hildmann